Erw 74

Vollständige Signatur

NLA OL, Erw 74

Bestand


Identifikation (kurz)


Titel Titel
Nachlass Horst Milde
Laufzeit Laufzeit
1945-2023

Bestandsdaten


Kurzbeschreibung Kurzbeschreibung
Der heimatvertriebene Schlesier Milde war SPD-Politiker der Region Weser-Ems ((Ober-)Bürgermeister von Leer und Oldenburg, Landtagsabgeordneter und -präsident, Präsident des Verwaltungsbezirks Oldenburg) und setzte sich außer für Weser-Ems für die Verständigung mit Polen ein.
Geschichte des Bestandsbildners Geschichte des Bestandsbildners
Die Familie Fleischermeister Milde wurde 1945 aus Breslau nach Ostfriesland (Gemeinde Holtland) vertrieben. Der Sohn Horst (1933-2023) setzte seine in Schlesien begonnene Gymnasialzeit auf dem Gymnasium Leer fort und trat sofort nach dem Abitur 1951 - da ein Studium finanziell nicht möglich war - als Beamter in den Dienst der Stadt Leer ein, aus dem er 1966 als Stadtamtmann und Leiter der Baubehörde ausschied. Er hatte auch nebenamtlich Staatsrecht an der Gemeindeverwaltungsschule unterrichtet. Milde trat 1956 der SPD bei und errang, nachdem er ÖTV-Kreisvorsitzender und 1963 stellv. DGB-Kreisvorsitzender sowie 1964 als Vertreter der jungen Generation SPD-Unterbezirksvorsitzender geworden war, 1965 sein erstes Mandat im Kreistag von Leer. 1964 nahm er als Mitglied der Bundesversammlung an der Wiederwahl Lübkes zum Bundespräsidenten teil. 1965-1968 war er für seine Partei stellvertretender Landrat des Landkreises Leer und 1966 Partei-Ortsvorsitzender und stellv. Fraktionsvorsitzender in Leer, im Anschluss daran 1968-1973 Bürgermeister von Leer, 1973-1976 Präsident des Niedersächsischen Verwaltungsbezirks Oldenburg (als einziger Nichtjurist unter den Regierungs- und Verwaltungspräsidenten), aus welchem Amt er als politischer Beamter nach Start der CDU-Regierung Albrecht ausscheiden musste. 1967-1973 (eine erste Kandidatur für den Landtag war 1963 noch erfolglos) und erneut 1978-1998 saß Milde als Abgeordneter im Landtag in Hannover (1970-73 stellv. Fraktionsvorsitzender), wo er 1990-1998 als Präsident des Nds. Landtags das protokollarisch höchste Staatsamt in Niedersachsen innehatte. 1986-1991 war er Oberbürgermeister der Stadt Oldenburg, für die er schon seit 1976 im Rat saß und SPD-Fraktionschef war. Zwischen 1974 und 1991 wirkte Milde in Aufsichtsgremien der regionalen Kreditwirtschaft (bei der Oldenburgischen Landesbank, der staatlichen Kreditanstalt Oldenburg-Bremen, der Bremer Landesbank und der Landessparkasse zu Oldenburg) wie auch der Energiewirtschaft mit (1986-91 Aufsichtsratsmitglied der EWE).
Er bekleidete zahlreiche Ehrenämter, auch nach seinem Ausscheiden aus der aktiven Politik 1998. So war er u.a. 1990-91 Vorsitzender des Landeskuratoriums "Unteilbares Deutschland", dann 1991-98 Vorsitzender des Landesverbandes Niedersachsen der Volkshochschulen, 1997-2004 Vizepräsident des Niedersächsischen Heimatbundes, 2000-2005 Vorsitzender des Kuratoriums der Fachhochschule Oldenburg/Ostfriesland/Wilhelmshaven, 1992-98 Kuratoriumsmitglied für die niedersächsische Tschernobyl-Stiftung und ab 2001 Schirmherr des Mc Donald's Elternhauses bei der städtischen Kinderklinik Oldenburg (Übernachtungshaus für Eltern kranker Kinder; später Ronald McDonald-Haus genannt). Schon 1973 hatte Milde den Kinderschutzbund in Leer gegründet und begleitete seine Arbeit ständig. Milde war ein scharfer Gegner der Auflösung der Bezirksregierungen in Niedersachsen (so auch des früheren Verwaltungsbezirks Oldenburg, den er selbst geleitet hatte), Gegner des Abschieds von der Atomkraft und eines herabgesetzten Kommunalwahlalters (wo er schließlich der Parteilinie wegen seinen Widerstand aufgab), verhinderte eine Zusammenlegung von Universitäts- und Landesbibliothek in Oldenburg und plädierte in der Frage der deutschen Hauptstadt vehement für Berlin. Milde unterstützte den Aufbau einer Oldenburger Universität von Anfang an politisch und bewirkte auch für das Oldenburgische Staatstheater eine Höherstufung des Orchesters. Bei der Gebietsreform gelang ihm die Verteidigung von Oldenburger Interessen (Erhalt der Selbständigkeit der Kreise Cloppenburg, Vechta, Ammerland und Oldenburg; Erhalt des Kreissitzes in Westerstede durch Stadtrechtserteilung; die spätere Abwanderung des Kreissitzes des Landkreises Oldenburg nach Wildeshausen konnte er nicht verhindern). Der Vertriebene Milde setzte sich stets für eine Aussöhnung, auch der Vertriebenen wie er, mit den Menschen in Polen ein und gewann selbst enge Freundschaften zu Menschen in diesem Nachbarland. Auch das Zusammenwachsen beider Teile Deutschlands war ihm ein Herzensanliegen und Tätigkeitsfeld. Das große Ziel der deutschen Wiedervereinigung war er nie bereit gewesen aufzugeben.
Milde erhielt 2011 den Ehrenring der Oldenburgischen Landschaft u.a. in Würdigung seiner Verdienste bei der Umwandlung der Oldenburg-Stiftung in eine Körperschaft öffentlichen Rechts "Oldenburgische Landschaft", eine Auszeichnung, die vor ihm erst zwei anderen zuteil geworden war. 1998 erhielt er zu seinem Abschied aus der Politik die Landesmedaille, höchste Auszeichnung des Landes, und das Große Niedersächsische Verdienstkreuz; das Bundesverdienstkreuz am Bande war ihm bereits 1973 verliehen worden. Die Liste der Ehrenmitgliedschaften und der ihm international zuerkannten Auszeichnungen (aus Polen, Frankreich, Israel, Taiwan, den Niederlanden und der Schweiz; darunter 1999 das Offizierskreuz der Republik Polen) enthält 33 Positionen.
Milde war seit 1963 verheiratet und hatte drei Kinder und vier Enkel. Er lebte seit 1973 in Oldenburg-Eversten.
Bestandsgeschichte Bestandsgeschichte
Die Dokumente sind 2023 dem Landesarchiv von Mildes Witwe Brigitte übereignet worden. Sie geben ein hervorragendes Bild von Politik und Zeitgeschehen in Leer, Oldenburg und Niedersachsen und enthalten zahlreiche Schreiben bedeutender, auch bis heute prominenter Politikerinnen und Politiker, vor allem, aber längst nicht nur, der SPD sowie anderer bekannter Zeitgenossen. Der zahlreiche Presseausschnitte, vollständige Druckwerke, Korrespondenzen, politisches Werbematerial (Wahlflyer, -broschüren und -plakate) und Bilder enthaltende Bestand wurde 2026 wegen seines politischen Gehaltes und der Bedeutung seiner Inhalte für die Zeitgeschichte der Region Weser-Ems in den vergangenen 50 Jahren (sowohl Oldenburg als auch Ostfriesland) in einer ausführlicheren (analytischen) Form verzeichnet.
Literatur Literatur
Akademischer Bürgersinn und politische Verantwortung: der Ehrenbürger [der Universität Oldenburg] Horst Milde, mit Beiträgen von Michael Daxner und Peter Singer, Oldenburg 1996; Horst Milde (Hg.: Der Präsident des Niedersächsischen Landtages – Referat für Presse und Öffentlichkeitsarbeit), Zur Verantwortung der Politik für die Erhaltung von Freiheit und Frieden: 20 ausgewählte Reden und Ansprachen, (Hannover) 1996; Ders. (Hg.: Der Präsident des Niedersächsischen Landtages – Referat für Presse und Öffentlichkeitsarbeit), "Politisches Handeln in einer Zeit des Wertewandels": Ausgewählte Reden und Ansprachen, (Hannover) 1997; Ders., Ist Oldenburgs Zukunft schon Vergangenheit?: Gedanken zur geplanten Auflösung der Bezirksregierung in Oldenburg. Vortrag vor dem Oldenburger Landesverein am 4. März 2003 in der Harmonie, Oldenburg 2004; Fritz und Gerd Hardach, Horst Milde, Ohmstede und Bornhorst: Oldenburger Ansichten, Oldenburg 2008; Hans Ulrich Minke, Joachim Kuropka, Horst Milde (Hgg.), „Fern vom Paradies – aber voller Hoffnung“: Vertriebene werden neue Bürger im Oldenburger Land, Oldenburg 2009.

Siehe


Korrespondierende Archivalien Korrespondierende Archivalien
Rep 400 (Verwaltungsbezirk Oldenburg); Rep 410 (Bezirksregierung Weser-Ems); Dep 10 (Stadt Oldenburg).

Weitere Angaben (Bestand)


Umfang in lfd. M. Umfang in lfd. M.
6,4; 160 Verzeichnungseinheiten