NLA HA V.V.P. 136

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Beschreibung: Bestand

Identifikation (kurz)

Titel 

Nachlass Gerardy und Schmidt

Laufzeit 

1555-2008

Bestandsdaten

Geschichte des Bestandsbildners 

Der Nachlass Gerardy/Schmidt umfasst die private Korrespondenz von Elisabeth (Lisbeth) Gerardy (geborene Sina, 1. Mai 1908 - 7. Dezember 1975 in Hannover) und Theodor (Theo) Gerardy (3. August 1908 in Essen - 19. Juni 1986 in Hannover) seit 1933. Die ausschließlich chronologisch geordneten, regelmäßigen und ausführlichen Schriftwechsel der Eheleute sowie ihrer Angehörigen bieten einen detaillierten Einblick in das alltägliche Leben im faschistischen Deutschland (1933-1945) und in der Nachkriegszeit in Niedersachsen.

Theodor Gerardy studierte Geodäsie in Bonn und war ab 1935 am Katasteramt Bitterfeld beschäftigt (vgl. NLA HA, V.V.P. 136, Acc. 2024/137 Nr. 2). 1938 übernahm er die Leitung des Katasteramts in Syke. Er trat 1933 in die NSDAP ein, wurde Mitglied des NS-Bundes Deutscher Technik und nahm ab 1937 an Reservistenübungen teil. Kurz nach Kriegsbeginn wurde er als Gefreiter eingezogen (vgl. NLA HA, V.V.P. 136, Acc. 2024/137 Nr. 32). Im Unterschied zu ihren Brüdern und ihrem zukünftigen Ehemann konnte Elisabeth nicht studieren. Nach dem Besuch einer Töchterschule half sie im Haushalt ihrer Mutter und arbeitete später in einer Zahnarztpraxis. Nach ihrer Heirat und der Geburt ihrer Töchter übernahm sie die Hauptlast der Sorgearbeit. Nach ihrer Hochzeit 1935 bekamen sie 1936 in Bitterfeld eine Tochter namens Anneliese (geb. 20.05.1936) und zwei Jahre später Gertrud (Gerti, spätere Schmidt). Mit der neuen Anstellung in Syke zog die Familie im Herbst 1938 nach Felde bei Achim.

Ein Schwerpunkt des Nachlasses ist die umfangreiche Sammlung von Feldpostbriefen aus den Jahren 1939 bis 1945. Diese ermöglichen Einblicke in die Kommunikation über das von Gewalt- und Mangelerfahrungen geprägte Leben im Militärdienst und an der „Heimatfront“. Theodor war zunächst in Norddeutschland stationiert, ab 1941 in Russland und später in der Vermessungs- und Kartenabteilung 624 in Norwegen. Während des Krieges fand die fast tägliche Korrespondenz über das Feldpostsystem statt und unterlag innerer und äußerer Zensur (vgl. NLA HA V.V.P. 136 Acc. 2024/137 Nr. 32). In Theodors Briefen finden sich selten Ortsangaben, und die Adressierung erfolgte über seine Feldpostnummer (19668, später 26343). Daneben finden sich in der Korrespondenz immer wieder getrocknete Pflanzen.

Im Jahr 1944 führte Gerardy im Auftrag der Vermessungs- und Kartenabteilung 624 der Wehrmacht eine beispielhafte Batterieeinmessung in einer norwegischen Landschaft durch (vgl. NLA HA V.V.P. 136 Acc. 2024/137 Nr. 34). Einmessung bezeichnet die Erfassung und Bestimmung der Koordinaten eines oder mehrerer Punkte in einem geodätischen Netz. Die Methode der Triangulation, bei der Festpunkte als Referenzpunkte dienen, um die Positionen anderer Punkte im Vermessungsnetz zu bestimmen, war auch im Fokus von Gerardys 1952 eingereichter Doktorarbeit. In der Dissertation befasste er sich mit Möglichkeiten zur Beschleunigung der angestrebten Neuberechnung von Grundsteuernetzen im Landesdreiecksnetz in Niedersachsen in den 1950er Jahren durch die Nutzung der Ergebnisse der preußischen Grundsteuerneumessung von 1868-1873. Diese basierten wiederum auf der von C. F. Gauß verwendeten Methode zur Vermessung des Königreichs Hannover von 1821 bis 1844.

Zum Ende des Krieges und mit Beginn von Theodors Kriegsgefangenschaft versiegte die Korrespondenz. Elisabeth suchte ihn mithilfe von ehemaligen Mitgefangenen, ihren Angehörigen sowie kirchlichen und staatlichen Akteuren (vgl. NLA HA, V.V.P. 136, Acc. 2024/137 Nr. 23). Erst Anfang 1946 trafen Nachrichten über den Aufenthalt Theodors im Zivilinterniertenlager 6 in Moosburg/Bayern ein. Gerardy kehrte im April 1946 nach Felde zurück. Im selben Jahr trat er eine Stelle als Vermessungsassessor in Neustadt am Rübenberge an (vgl. NLA HA, V.V.P. 136, Acc. 2024/137 Nr. 24).

In der Nachkriegszeit behandelten die Briefe hauptsächlich private Angelegenheiten, aber auch Korrespondenzen mit der Studentenverbindung Ascania und zur Schulausbildung der Töchter. Vereinzelt finden sich Lebensmittelkarten und Werbung der Deutschen Partei sowie Schriften des Geodätischen Kolloquiums in Hannover (vgl. NLA HA, V.V.P. 136, Acc. 2024/137 Nr. 27). Nach der Promotion wurde Gerardy 1954 zum Oberregierungsvermessungsrat und 1956 zum Vermessungsdirektor in Hannover befördert. Auf seine bisherigen Studien und Tätigkeiten aufbauend, veröffentlichte er verschiedene Arbeiten zur Methodik der Wasserzeichenforschung, ebenso zum Gauß-Nachlass in Göttingen sowie ein Handbuch zur Praxis der Grundstücksbewertung.

Neben der Korrespondenz von Elisabeth und Theodor Gerardy finden sich in dem Nachlass Schriftwechsel zwischen ihren Familienangehörigen. So gibt es Feldpostkarten aus dem ersten Weltkrieg von Elisabeths Vater, Peter Sina, (vgl. NLA HA, V.V.P. 136, Acc. 2024/137 Nr. 1) sowie Post der Familien von Elisabeths Brüdern Karl und Heinz an Peter Sina und seine Frau Anna.

Der Nachlass enthält eine nicht publizierte Autobiographie von Eberhard Schmidt, Ehemann von Gertrud und Schwiegersohn von Elisabeth und Theodor Gerardy (vgl. NLA HA, V.V.P. 136, Acc. 2024/137 Nr. 35). Gebürtig aus Berlin, war Schmidt Lehrer für Englisch und Musik an der Tellkampfschule in Hannover und leitete unter anderem von 1968 bis 1992 den späteren „Hannover-Chor“. Außerdem war Schmidt Vorsitzender des Landesausschusses und Mitglied des Hauptausschusses bei „Jugend musiziert“ sowie Präsident des Landesmusikrats Niedersachsen. Aus dieser Tätigkeit resultierten mehrere chronologisch geordnete Audiokassetten mit NDR-Aufnahmen von mehreren "Jugend musiziert"-Konzerten (vgl. VVP 136 Acc. 2024/137, Nr. 38 bis 52 und 66), sowie Aufnahmen vom Internationalen Kammerchor-Wettbewerb von 1989 in Marktoberdorf (VVP 136 Acc. 2024/137, Nr. 53-65).

Im Nachlass finden sich ferner ein Notiz- und Kalenderbuch für die Jahre 1938 und 1939 (vgl. NLA HA, V.V.P. 136, Acc. 2024/137 Nr. 33) und zwei Urkunden aus dem 16. Jahrhundert über Immobilien- bzw. Grundstücksverkäufe.

Bestandsgeschichte 

Die Abgabe des Nachlasses Gerardy/Schmidt erfolgte durch Gertrud Schmidt im Jahr 2024.

Enthält 

u.a. Korrespondenz der Familien Sina, Gerardy und Schmidt, vor allem private Briefe und Postkarten sowie Feldpost aus dem Zweiten Weltkrieg, Druckerzeugnisse, vormoderne Urkunden

Literatur 

Jens Ebert, Briefeschreiben in Extremsituationen. Feldpost im Zeitalter der Weltkriege, in: Volker Depkat und Wolfram Pyta (Hg.), Briefe und Tagebücher zwischen Text und Quelle. Geschichts- und Literaturwissenschaft im Gespräch II, Berlin 2021

Ann-Katrin Fett, Briefe aus dem Krieg. Die Feldpost als Quelle von 1914 bis 1918, Stuttgart 2021

Theodor Gerardy, Die Gauß'sche Triangulation des Königreichs Hannover (1821–1844) und die preußischen Grundsteuermessungen (1868–1873); Diss. d. T. H. Hannover. Institute für Geodäsie und Photogrammetrie der Technischen Hochschule, Hannover 1952

Theodor Gerardy, Datieren mit Hilfe von Wasserzeichen, beispielhaft dargestellt an der Gesamtproduktion der schaumburgischen Papiermühle Arensburg von 1604–1650, Bückeburg 1964

Theodor Gerardy, Praxis der Grundstücksbewertung, München 1971

Dominik Reither, Internment Camp No 6 Moosburg. Ein Internierungslager in der US-Zone 1945-1948, o.O. 2021

Wolfgang Torge, Geschichte der Geodäsie in Deutschland, Berlin und New York 2007

Findmittel 

EDV-Findbuch (2025)

Siehe

Korrespondierende Archivalien 

Zu Theodor Gerardy u.a.:
NLA HA, Nds. 120 Hannover Acc. 2009/063, Nr. 46-49.
NLA WO, 283 N, Nr. 1054 und Nr. 1250 und 1251.
NLA BU, S 2 D, Nr. 1273.
NLA WO, 298 N, Nr. 853.
NLA HA, ZGS 2/4, Nr. 4.

Zu Eberhard Schmid u.a.:
NLA HA, Nds. 120 Hannover, Acc. 34/78, Nr. 122.
NLA HA, Nds. 120 Hannover, Acc. 106/85, Nr. 123.
NLA HA, Nds. 120 Hannover, Acc. 90/78, Nr. 37.

Zur Gauß'schen Landesaufnahme u.a.:
NLA BU, S 1, A 10016 Bl. 1 bis 28.

Weitere Angaben (Bestand)

Umfang in lfd. M. 

0,9

Benutzung 

Das Archivgut kann im Niedersächsischen Landesarchiv Hannover unter Berücksichtigung der Einhaltung von Schutz- und Sperrfristen nach §5 Niedersächsisches Archivgesetz (NArchG) eingesehen werden.

Informationen / Notizen

Zusatzinformationen 

Theodor Gerardys Nachlass in der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen: Zentralarchiv deutscher Mathematiker-Nachlässe, Cod. Ms. Gerardy.

80 Abbildungen von Wasserzeichen, gesammelt von Theodor Gerardy:
Königliche Bibliothek der Niederlande, KW PC V11527.