NLA HA V.V.P. 102

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Beschreibung

Identifikation (kurz)

Titel 

Nachlass Wilhelm Moldenhauer, Nordstemmen

Laufzeit 

1909-1948

Bestandsdaten

Geschichte des Bestandsbildners 

Wilhelm Emil Otto Moldenhauer wurde am 6. Juli 1906 als Sohn des Kaufmanns Harry Conrad Maximilian Moldenhauer und seiner Frau Rosalie Helene Luise Moldenhauer in Nordstemmen (Landkreis Hildesheim) als zweitjüngstes von fünf Kindern geboren. Er besuchte das Hildesheimer Gymnasium und führte nach kaufmännischen Assistenzjahren in Hannover das Familiengeschäft in Nordstemmen - dabei handelte es sich um die nach seinem Vater benannte "Firma Harry Moldenhauer" - fort. Am 11. Juni 1935 heiratete er seine Frau Erika, geborene Willmann. Aus dieser Ehe gingen zwei Kinder hervor: Peter August Harry, geboren am 18. August 1936, und Heide, geboren 1939. Das Geschäft seines Vaters übernahm Wilhelm Moldenhauer 1937 als alleiniger Inhaber. In diesem Jahr wurde er Mitglied der Sturmabteilung (SA). Seinen Militärdienst als Funker verrichtete er von Juni 1940 bis zu seinem Tod im Jahre 1943.

Der vorliegende Nachlass Wilhelm Moldenhauers umfasst insgesamt etwa 400 Schriftstücke (Briefe, Feldpostkarten, Berichte, Zeitungsausschnitte und andere Dokumente). Eine Besonderheit ist, dass er neben den Schriftstücken auch Filmmaterial und Fotografien enthält.
Der Nachlass ist auf der Grundlage eines im März 2014 unterzeichneten Schenkungsvertrags mit Heide Moldenhauer, der Tochter Wilhelm Moldenhauers, vom Niedersächsischen Landesarchiv in Hannover übernommen worden. (Der Allgemeinzustand der Briefe ist gut. Durch eine Heftung sind die Briefe gelocht und zeigen Gebrauchsspuren. Wenige Briefe sind eingerissen oder an den Rändern ausgefranst, einige Stücke weisen zudem Wasser-, Rost- und Farbflecken auf).

Der Nachlass besteht überwiegend aus Feldpostbriefen des Gefreiten Wilhelm Moldenhauer, die er seit Beginn seiner Funkerausbildung in der Kaserne Vahrenwald Hannover im Juni 1940 verfasste. Sein letzter Brief aus dem Stalingrader Kessel datiert auf den 4. Januar 1943 war an seine Freunde Fritz und Dörchen gerichtet. Moldenhauers Frau, an die der überwiegende Teil der erhaltenen Briefe gerichtet ist, erhält letztmalig am 3. Januar 1943 Nachricht von ihm. Ein kleinerer Teil des Bestandes enthält Briefe seiner Frau Erika, die Moldenhauer offenbar größtenteils verbrannt und nur vereinzelt zurückgeschickt hat. Außerdem sind Briefe zwischen ihm und seinem Sohn Peter Moldenhauer und einige Briefe an Freunde, Eltern und Angestellte überliefert.

Die Briefe geben detaillierte Auskunft über Moldenhauers Erlebnisse, Gedanken, Gefühle und Beobachtungen während des Kriegseinsatzes. Wiederkehrend sind Schilderungen über Versorgungslage und Verpflegung, die einen guten Einblick in die Nahrungsmittellogistik während des Krieges gewähren. Außerdem werden seine Bedürfnisse über die Paketwünsche wie auch der Inhalt derselben, die Erika ihrem Mann in regelmäßigen Abständen zukommen lässt, dezidiert geschildert. Von seinen Freunden erhält er zusätzlich Zeitungen und Zeitschriften geschickt. Die Briefe geben zudem einen Eindruck über den Alltag in der Kompanie, Quartier- und Wohnverhältnisse wie auch die Aufgaben als Soldat.

Ein sehr umfassendes Themengebiet sind Wilhelm Moldenhauers Eindrücke der Länder, in denen er sich im Rahmen seines militärischen Einsatzes aufhielt. Das Zitat "Das/Unser Reisebüro hat uns doch prächtig beraten!" (Feldpostkarte vom 22.6.41, Brief vom 21.6.1941) macht deutlich, dass dieser Einsatz für Moldenhauer auch von Abenteuerlust geprägt war. Seine Schilderungen der verschiedenen Stationen gleichen einem Reisebericht; der Weg verlief zu Beginn des Jahres 1941 von Hannover nach Kattowitz, von dort über die Slowakei und Ungarn nach Rumänien (Fahrtbericht des 3. Transportzuges der N.A. 60; Brief vom 16.1.1941) und im März 1941 weiter nach Bulgarien. Im April 1941 setzte sich der Vormarsch ins Kriegsgebiet nach Jugoslawien fort. Ab Mai 1941 gelangten die Soldaten über Belgrad nach Maribor, im Mai 1941 erreichten sie die Steiermark und trafen anschließend erneut in Polen, genauer in Königshütte bei Kattowitz ein. Im Juni 1941 folgte die Abfahrt Richtung russischer Grenze über die Ukraine, im Dezember 1942 gelangten die Soldaten in das Don-Becken vor Stalingrad (vgl. die Karten über Ebert, Funkwagen, S. 51 und 121).

Neben der Nennung der zahlreichen Aufenthaltsorte, die vor allem in den tagebuchähnlichen Briefen und Erlebnisberichten genannt werden, bieten die Briefe z.T. erlebnis- und reiseberichtähnliche Schilderungen der Landschaften, der einheimischen Bevölkerung, den Sitten und Gebräuchen, der Unterbringung und den Wohnverhältnissen, den Nahrungsmitteln und Rezepten, der politischen Situation und den Zuständen vor Ort. Neben seiner Tätigkeit als Funker dokumentierte er mit einer Leica-Fotokamera und einer Schmalfilmkamera verschiedene Begebenheiten und nimmt somit die Rolle eines Reise- und Kriegsberichterstatters ein. In einzelnen Briefen forderte er seine Frau Erika dazu auf, die Fotos an Filmunternehmen und Zeitschriften zu senden. Auch den Plan, einen Kriegsfilm zusammenzustellen, wird in einem seiner Briefe deutlich (Brief vom 8.12.1941). Seinen Geschäftssinn behielt er auch unterwegs und organisierte die Bildbestellungen seiner Soldatenkollegen. Dabei legte er Fotoalben an, die er mit Bestellnummern versah, um die Abläufe zu professionalisieren. Seine Frau stand ihm dabei unterstützend zur Seite und versorgte ihn mit Filmen für die Leica und die Filmkamera und fertigte die Bildbestellungen an, die sie auch versandte. Die Inhalte seiner Filme und Fotografien lassen sich jedoch nur z.T. über die Briefinhalte erschließen, die zumeist die organisatorischen Dinge zu den Bildbestellungen abhandeln. Seine Tochter Heide macht darauf aufmerksam, dass seine "Kinofilme" nicht überliefert seien (Ebert, Funkwagen, S. 286). In der Heimat filmte seine Frau Erika die Familie und sandte Fotos, so dass Wilhelm über die Entwicklungen zu Hause informiert blieb.

Im Sommer 1942 spitzte sich die Lage in Russland zu. Die Feldpostbriefe Wilhelm Moldenhauers beschreiben aus dieser Zeit die Kriegseindrücke, die Kämpfe und den Kriegsalltag. Die Kämpfe am Donbogen veranschaulichen die Briefe vom August 1942 (vgl. z.B. 12.8.1942). Die Versorgungswege waren zum Teil unterbrochen, auch die Post wurde immer unregelmäßiger befördert. Die Hoffnung auf Urlaub und die Sehnsucht nach seiner Frau und den Kindern werden besonders in den Briefen ab Herbst 1942 offenbar. Die Wohnsituation verschlechterte sich, je weiter die Kompanie nach Stalingrad vorrückte; am Ende mussten die Soldaten in einem Erdbunker überwintern. Die Briefe Wilhelm Moldenhauers wirken bis zuletzt nie verzweifelt. Er fügte sich seinem Schicksal und hoffte auf Urlaub und eine gesunde Heimreise. In den politischen Äußerungen griff er die NS-Propaganda unkritisch auf und zeigte seine Zustimmung zur nationalsozialistischen Ideologie. Erstaunlich sind seine antisemitischen Äußerungen vor dem Hintergrund seiner Familiengeschichte, da einige Familienmitglieder mütterlicherseits zum Protestantismus konvertierte Juden waren. Ebenso tritt Moldenhauer in seinen Briefen auch unpolitisch hervor, thematisiert den Alltag, das gemeinsame Zusammenleben und seine Heimat.

Im Jahr 2008 erschien folgende Publikation: JENS EBERT, Im Funkwagen der Wehrmacht durch Europa: Balkan, Ukraine, Stalingrad. Feldpostbriefe des Gefreiten Wilhelm Moldenhauer 1940-1943, Berlin 2008. Neben einem Einleitungsteil mit biografischen Daten werden im Hauptteil 150 von etwa 400 Briefen originalgetreu wiedergegeben. Daneben illustrieren einige der von Wilhelm Moldenhauer aufgenommenen Fotografien und weiteres Bildmaterial den Textteil. Am Ende des Buches kommt die Tochter Heide Moldenhauer im Zusammenhang mit den Fotos und Filmen zu Wort.

Bestandsgeschichte 

Heide Moldenhauer, Tochter von Wilhelm Moldenhauer, hat im Jahr 2014 Feldpostbriefe, Fotos, Fotonegative, Diapositive und Filme im Format Super 8 aus der Zeit der Zweiten Weltkrieges an das Niedersächsische Landesarchiv Hannover übergeben. Die Archivalien sind auf 4 Akzessionen aufgeteilt worden: Acc. 2014/34, 2014/43, Acc. 2014/154, Acc. 2014/155

Enthält 

Feldpostbriefe, Fotos, Fotonegative, Diapositive, Filme im Format Super 8 aus der Zeit der Zweiten Weltkrieges

Findmittel 

EDV-Findbuch 2016

Weitere Angaben (Bestand)

Umfang in lfd. M. 

0,7

Informationen/Notizen

Zusatzinformationen 

Die zu diesem Archivbestand gehörenden Diapositive, Fotonegative und Filme im Format Super 8 können aus konservatorischen Gründen zur archivischen Benutzung nicht vorgelegt werden.

Georeferenzierung

Bezeichnung 

Nordstemmen, Gemeinde [Wohnplatz]

Zeit von 

1

Zeit bis 

1

Objekt_ID 

4420

Ebenen_ID 

1