Drucken

StadtA LIN LV 1922

Beschreibung

Identifikation

Titel

Lingener Volksbote 1922

Laufzeit

1922

Enthält

4. Jan.: „Die Theateraufführung des kath. Gesellenvereins am Neujahrstage erfreute sich zahlreichen Besuches. (…) Mit erschütternder Tragik wurde das traurige Los der Familie Bankscheu geschildert, in welcher der arbeitsscheue Meister in Müssiggang und Trunksucht seine Tage verbringt, während seine putzsüchtige Frau Schulden auf Schulden häuft.“

4. Jan.: „Der Eigener Johann Hermann Gels in Dalum Rull hat beantragt, den verschollenen Landwirt Johann Wilhelm Gels, geboren am 4. April 1858 in Clusorth, zuletzt wohnhaft in Clusorth, für tot zu erklären. Der bezeichnete Verschollene wird aufgefordert, sich (…) zu melden, widrigenfalls die Todeserklärung erfolgen wird.“

11. Jan.: „Vor Beginn der heutigen Plenarsitzung der städtischen Kollegien gab der Vorsitzende den Eingang mehrerer Schreiben betr. Versand von Getreide aus dem Kreise Lingen bekannt. Der Verdacht, daß das Getreide ins Ausland geschoben wurde, hat sich (…) als nicht begründet erwiesen. (…) Antrag des Müllabfuhr-Unternehmers Kluckert um Erhöhung der Abfuhrgebühren. Die Gebühren wurden (…) von 75 Mk. auf 125 Mk. täglich erhöht. (…) Erhöhung der Gebühren für Benutzung der städtischen Wage. Die Wiegegebühr wurde mit sofortiger Wirkung von 1,50 auf 3,00 Mk. erhöht. Antrag des Renn- und Pferdezuchtvereins auf Bewilligung einer Beihilfe zur 2. Einsaat der Rennbahn. In Anbetracht dessen, daß die Rennbahn für die Stadt eine gute Einnahmequelle bedeutet (im Vorjahre wurden über 12.000 Mk. Lustbarkeitssteuern bezahlt), der Rennverein aber zur Zeit noch nicht über Vermögen verfügt, (…) bewilligen die Kollegien eine Beihilfe von 5000 Mk. zur 2. Einsaat der Rennbahn. (…) Außerhalb der Tagesordnung wurde die Kartoffelfrage besprochen. Bereits jetzt haben viele Einwohner keine Kartoffeln mehr und die Beschaffung derselben stößt auf große Schwierigkeiten. Es wurde beschlossen, das Oberpräsidium auf die schwierige Lage aufmerksam zu machen.“

14. Jan.: „Die Zentrale des kath. Frauenbundes gibt bekannt, daß sie infolge der fortschreitenden Geldentwertung gezwungen ist, (…) den Jahresbeitrag von 4,80 Mk. auf 9 Mk. zu erhöhen.“

14. Jan.: „Der Bürgersöhne-Aufzug hält am Sonnabend, den 14. d. Mts. in der Gastwirtschaft August Böll seine diesjährige Generalversammlung ab und bittet im Interesse der außerordentlich wichtigen Tagesordnung um vollständiges Erscheinen aller Mitglieder.“

18. Jan.: „Schepsdorf, 16. Januar. Am Dreikönigstage und den beiden folgenden Sonntagen haben unsere Jugendvereine das niederdeutsche Volksstück ‚Schulten Dina‘ von W. Brockmann zur Aufführung gebracht. (…) Das Stück spielt auf einem niedersächsischen Bauernhofe und entrollt in prächtigen Bühnenbildern das Leben und Treiben auf demselben während der Heuernte. (…) ‚Küer, as di de Schnabel wassen is, un verachte nümmer nich diene Moderspraok.‘ (…) Da sehen wir uns selbst im Zeitenspiegel.“

21. Jan.: „Jungfrauen-Kongregation. (…) Gegenwärtig zählt der Verein 653 Mitglieder. (…) Frl. Stöppelkamp verbleibt in ihrem Posten als bewährte Präfektin.“

25. Jan.: „Kath. Arbeiterverein. (…) Die wirtschaftliche Not im vorigen Herbste beim Einkauf von Kartoffeln und anderen Wintervorräten hatte bei vielen Mitgliedern den Plan reifen lassen, innerhalb des Vereins eine Spareinrichtung (Wirtschaftshilfe) zu treffen, um in Zukunft solchen Schwierigkeiten besser begegnen zu können. (…) Bei der andauernden Teuerung (…) will (der Verein) seinen Mitgliedern eine bequeme Möglichkeit bieten, kleine Ersparnisse gegen möglichst hohe Verzinsung anzusammeln und zur Eindeckung von Wintervorräten wieder abzuheben. (…) Der Bestand des Vereins beträgt 360 Mitglieder.“

25. Jan.: „Gestern ertrank beim Schlittschuhlaufen auf dem Kanal in der Nähe des alten Hafens der 11jährige Volksschüler Fr. Die Leiche konnte nach etwa 1stündigem Suchen geborgen werden.“

1. Feb.: „Arbeiter-Entlassungen im Eisenbahnbetriebe. Das Reichsverkehrsministerium hat eine Verfügung herausgegeben, wonach im Bereich der deutschen Reichsbahn (…) bis zum 31. März 1922 20.000 Arbeiter entlassen sein müssen. (…) Von den 20.000 zu entlassenden Arbeitern fallen 5000 auf die Werkstätten.“

1. Feb.: „Der drohender Eisenbahnbeamtenstreik. (…) Bekanntlich hat der Vorstand der Reichsgewerkschaft Deutscher Eisenbahnbeamten und -Anwärter der Regierung (…) mit dem Streik gedroht.“

4. Feb.: „In der am 31. Januar stattgefundenen Aufsichtsratsitzung der Kleinbahn Lingen-Berge-Quakenbrück wurde vom Vorstand die schlechte wirtschaftliche Lage der Bahn dargelegt, in der die Bahn namentlich durch die im Oktober-Dezember eingetretene große Teuerung geraten ist. Die Kohlenpreise sind um das 40fache, die Ölpreise um das 80fache des Friedenspreises gestiegen. Es wurde beschlossen, die Personentarife am 10. Februar um durchschnittlich 25% zu erhöhen.“

8. Feb.: „Lingen. (…) Der Eisenbahnerstreik ist beendet.“

8. Feb.: „Graf Wilderich von Galen, der Bruder des verstorbenen Weihbischofs Grafen Max von Galen, ist in Münster nach kurzer Krankheit (…) gestorben. Am 6. November 1835 als vierter Sohn des Erbkämmerers Grafen Mathias von Galen und seiner Gemahlin Anna, Freiin von Ketteler, der Schwester des großen Mainzer Bischofs, geboren, absolvierte er das Gymnasium zu Paderborn und trat 1857 beim Westfälischen Kürassierregiment in Münster ein. Im Jahre 1861 begleitete er seinen Vater zur Krönung König Wilhelms I. nach Königsberg. (…) Im Frühjahr 1869 verabschiedete er sich aus preußischen Diensten und trat mit mehreren Standesgenossen als einfacher Zuave in die päpstliche Armee ein. (…) Bei der Eröffnung des Vatikanischen Konzils am 8. Dezember 1869 tat er als Malteser-Ritter im Vatikan Dienst. Als der deutsch-französische Krieg ausbrach, kehrte er in die Heimat zurück. (…) Am 19. Mai 1874 vermählte er sich mit Antonia Reichsfreiin von Weichs zur Wenne. Dieser Ehe entsprossen neun Kinder. (…) 1878 schied er aus dem Militärdienste aus und wohnte vorübergehend auf dem Hause Gottendorf und dann bis 1912 auf seinem Gute Beversundern im Kreis Lingen. Bei Einführung der neuen Kreisordnung wurde er in den Kreistag und Kreisausschuß gewählt, denen er (…) bis 1912 angehörte. Dann siedelte er nach Münster (…) über.“

25. Feb.: „Die frühere Stöve’sche Apotheke mit Nebenhäusern und anschließendem 7029 qm großen Garten wurde von der Stadt für 275 000 Mark erworben. Einstweilen soll dies Gebäude Wohnungszwecken dienen. Auch die Windhoff’sche Besitzung (früher Schlikkersche Hütte) an der Bahn, Kokenmühle gegenüber belegen, ging mit allen Gebäuden für 1 Million Mark in den Besitz der Stadt über. (…) Wie wir hören, eignet sich (…) das große Gebäude (frühere Technikum und Bezirkskommando) sehr gut zu Schulzwecken. (…) Der freie Platz würde sich evtl. als Marktplatz eignen, und würden die jetzt in der Stadt verstreut liegenden Schweine-, Rindvieh- u. Pferdemärkte dort zentralisiert werden können.“

Lingener Volksboten vom 25.2.1922: „Die Bergen’sche Besitzung in der Georgstraße ging durch Kauf in den Besitz des Viehhändlers Grünberg von hier über.“

6. März: „In der heutigen Plenarversammlung der städtischen Kollegien wurde folgendes verhandelt: (…) Beschluß über die Verwendung des Hauses Schwedenschanze Nr. 11 (früheres Bezirkskommando). Es wurde beschlossen, das Haus zu einer Schule auszubauen. (…) Zum Ankauf des Hüttengrundstückes mit aufstehenden Gebäuden, welche teilweise zu Volksschulzwecken benutzt werden sollen, wurde die Aufnahme einer Anleihe in Höhe von 1.000.000 Mark (…) beschlossen. (…) Vornahme baulicher Aenderungen an der alten Apotheke. Der Magistrat schlug vor, in dem vorderen Teile der Apotheke das Wohnungsamt, das Büro des Elektrizitätswerks, das Gasbüro und im Nebenhause das Brotkartenbüro unterzubringen. Das dadurch freiwerdende frühere Heßlinge Haus am Markt könne die Stadt jeder Zeit als Geschäftshaus günstig vermieten. (…) Der Magistrat schlug vor, sich an der Unterstützung notleidender Kleinrentner stadtseitig zu beteiligen und einen Betrag von etwa 10.000 Mark (…) zu übernehmen. Die Kollegien stimmten (…) diesem Antrage zu. (…) Außerhalb der Tagesordnung wurde noch die Kartoffelfrage, welche außerordentlich dringlich ist, besprochen.“

11. März: „Dienstag, den 7. d. M. fand im Saale des Hotels Heeger eine Versammlung des Volksvereins statt, die sich eines guten Besuchs erfreute. Der neue Ortsgeschäftsführer Herr Rektor Brinkmann hat es verstanden, die Begeisterung in den Herzen der alten Vertrauensleute wieder wachzurufen.“

11. März: „Ein orkanartiger Sturm am Mittwoch abend, der fast aus allen Gegenden des Reiches gemeldet wrid, hat auch hier seine Visitenkarte abgegeben und zahlreichen Schaden angerichtet. Fensterscheiben, Dachziegel, Windfänge sind zerstört. Bei zwei Neubauten stürzten die Dachgerüste ein, glücklicherweise ohne jemanden zu verletzen.“

15. März: „500 Mk. Belohnung zahlen wir demjenigen, der uns die Personen namhaft macht, die in der Brögberner Gemeindejagd Schlingen stellen, damit wir die Wilddiebe anzeigen und dann gerichtlich bestrafen lassen können. Die Jagdpächter“

18. März: „Zwei Sträflinge, welche von der Arbeit auf dem Rennplatze entwichen waren, sprachen abends bei einem hiesigen Landwirt, als dieser schon in süßem Schlummer lag, vor, um von ihm Kleidung usw. zu holen. Als die beiden Eindringlinge bemerkt wurden, drohten sie dem Landwirt und erzählten, daß das ganze Gefängnis in Lingen ausgebrochen sei. Sie nahmen ihm zwei komplette Anzüge, die sie inzwischen schon angezogen hatten, mit, und obendrein mußte der Landwirt einem jeden noch eine Braunschweiger Wurst, Speck und Brot mitgeben, (…) und nun wurde die Reise angetreten. (…) Der Landwirt (…) ergreift, nur spärlich mit dem Hemd bekleidet, sein Jagdgewehr, und so gings (…) den beiden Banditen nach, (…) bis er kurz vor Bawinkel zwei Mann auf sich zukommen sah. Er suchte hinter einer Hecke Deckung und legte an, (…) wagte nicht, den Hahn zu ziehen, und ließ die beiden Verbrecher vorbeimarschieren. Der Landwirt trat, nachdem er noch zuvor von einem guten Mitmenschen mit Hose bekleidet war, die Heimreise an.“

29. März: „Bawinkel. (…) In der Nacht von Samstag auf Sonntag gegen 3 Uhr wurde der Bahnhofswirt Tihen von hier von dem Dienstmädchen (…) telephonisch benachrichtet, daß wieder Einbrecher am Werke seien. (…) Er stellte sich hierauf erwartend hinter einen in der Nähe befindlichen Holzhaufen mit geladenem Gewehr auf. Nach etwa ¼ Stunde kam vom Bahnhofsgebäude ein Mann her, welcher in Richtung nach Lingen ging. (…) T. schoß auf ihn, worauf derselbe zur Erde fiel. Der von Lingen sofort herbei gerufene Arzt ordnete die Überführung des an Kopf und Hals Schwerverletzten ins Krankenhaus Lingen an, in dem er am anderen Tag verschied. Wie sich bis jetzt herausgesteltt hat, war es der Haussohn Ahlers aus Bawinkel, welcher schon seit längerer Zeit in Dortmund als Grubenarbeiter beschäftigt ist. Es besteht wohl kaum ein Zweifel mehr, daß Ahlers auch an den im letzten Vierteljahr hier im Bahnhofsgebäude und der Molkerei ausgeführten Einbrüchen mitbeteiligt ist."

1. April: „Kath. Gesellenverein. (…) der Verein zählt gegenwärtig 162 aktive Mitglieder. (…) An Ehrenmitgliedern zählt der Verein 403. (…) An Wohlfahrtseinrichtungen besitzt der Verein eine Bibliothek, Sterbekasse und Sparkasse.“

5. April: „Der Emsländische Renn- und Pferdezucht-Verein Lingen hielt am Sonntag nachm. im Hotel Nave eine außerordentliche General-Versammlung ab, welche sehr gut besucht war. (…) Der Verein hat keine Kosten und Mühe gescheut, um die sich beim vorigen Rennen gezeigten Mängel zu beseitigen. Zunächst hat er sich der Halbblutabteilung Hannover angeschlossen. (…) Wie im Vorjahre dem Verein von verschiedenen Seiten sehr erhebliche Stiftungen gemacht worden sind, hat jetzt auch Herr Krupp von Bohlen Halbach 3000 Mk. zur Verfügung gestellt.“

5. April: „Sitzung des Kraftwerkausschusses. (…) Die Hauptschwierigkeit bestände darin, daß das Wasserkraftwerk nicht in der Lage sei, in den Sommermonaten die Spitzenleistungen zu decken. (…) Die einmütige Ansicht der Sachverständigen gehe dahin, daß trotzdem die Anlage auch heute rentabel sei. (…) Um weitere Verteuerung zu verhüten, wird die sofortige Inangriffnahme des Baues dringend empfohlen.“

26. April: „Am Montag d. W. wurde einer unserer ältesten Bürger, Herr Pastor emer. Ludwig Schliemann zur letzten Ruhe gebettet. (…) Er starb infolge Altersschwäche im Alter von 88 Jahren. Von 1867 bis 1904 wirkte er als Anstaltsgeistlicher in der hiesigen Strafanstalt, seitdem lebte er im Ruhestand.“

3. Mai: „Als einer der schönsten Nummern auf dem abwechlungsreichen Jahresprogramm des katholischen Gesellenvereins steht immer der ‚Familienabend‘. Alt und jung, Mitglieder und Ehrenmitglieder, sowie deren Familien kommen zahlreich wie zu einer engeren Familienfeier zusammen, alle Schichten der Bevölkerung sind vertreten. So war auch am Sonntag abend der Besuch recht gut.“

3. Mai: „Den geneigten Bewohnern von Lingen und Umgegend zur gefl. Kenntnisnahme, dass ich heute die Gartenwirtschaft ‚Klein-Tyrol‘ übernommen habe. Ich bitte um geneigten Zuspruch. Lingen-Ems, den 1. Mai 1922. Heinrich Belt“

10. Mai: „In der Nacht vom 8. zum 9. Mai wurde im Geschäfte des Herrn G. Adelmann hier ein großer Einbruchdiebstahl verübt. Es sind für ca. 25.000 Mk. Schuhwaren gestohlen. Dem Vernehmen nach sind zwei auswärtige Täter von Osanbrück und Münster bereits in Haft gesetzt und der größte Teil der gestohlenen Schuhe beschlagnahmt worden.“

10. Mai: „Am heutigen Tage entschlief im Bonifatius-Hospital zu Lingen unser Gemeindevorsteher Bernhard Voss gen. Dust, Hofbesitzer in Brögbern. 31 Jahre lang verwaltete er ununterbrochen das Vorsteheramt. Daneben war er Vorsteher der Samtgemeinde und versah zugleich das Amt des Schiedsmannes. (…) Brögbern, den 7. Mai 1922. Die Gemeinde Brögbern.“

13. Mai: „11. Mai. In der heutigen Plenarversammlung der städtischen Kollegien wurde folgendes verhandelt: (…) Der Vorsitzende teilte mit, daß die Stadt in der Klagesache gegen den Eisenbahnfiskus ein obsiegendes Urteil erhalten habe und dieser verurteilt sei, das rückständige Wassergeld nebst Zinsen vom 15. April 1921 ab zu zahlen.“

13. Mai: „Nachdem Herr Richard Uhle sein Amt als Bürgervorsteher niedergelegt hat, ist nach erfolgter Annahmeerklärung Herr Maurer Johann Grever zum Bürgervorsteher der Stadt Lingen gewählt.“

17. Mai: „Es wird erneut darauf hingewiesen, daß die Gewerbeunternehmer die zum Besuche der Fortbildungsschule Verpflichteten so zeitig von der Arbeit zu entlassen haben, daß sie rechtzeitig und soweit erforderlich, gereinigt und umgekleidet in den Unterricht erscheinen können. (…) Der Magistrat“

24. Mai: „Der Rennverein Lingen kann mit Stolz auf seine zweite Veranstaltung zurückblicken. Alles, aber auch alles klappte dieses Mal. Vorverkauf, Ordnung auf dem Platze, die Kassenverhältnisse, die Personenbeförderung, das alles wurde spielend bewältigt, als wenn es immer so gewesen wäre. Der Besuch war sicher nicht schlechter als beim Eröffnungsrennen im vorigen Herbst. (…) Die Zaungäste, welche im Herbst so zahlreich gewesen waren, konnten sich gestern in Folge der scharfen Kontrolle nicht einschleichen. Nur der leidige Staub (…) und die allzu pralle Sonne machten den Zuschauern das Leben sauer.“

27. Mai: „Am 1. Juni soll die Gemeinde Estringen-Rottum-Polle eine bedeutsame Feier sehen: Die Einweihung der restaurierten Kapelle verbunden mit feierlichem Levitenamt. Ein schmuckes, schlankes Gotteshaus ist der Gemeinde durch die Restaurierung erstanden, das mit Recht den Bewohnern zur Ehre und zur Freude, dem Dorfbilde zur Zierde gereicht. Alle Bewohner sind überrascht über das hochragende Gebäude mit zierlichem Dachreiter und sagen ‚Gottlob, daß die Kapelle vor dem Verfall bewahrt wurde (…)‘.“

31. Mai: „Wettrup (Krs. Lingen). Seit Jahrhunderten begeht unsere Gemeinde den Tag nach Christi Himmelfahrt, an dem damals ein schweres Hagelwetter die Ernte vernichtet haben soll, als vollständigen Feiertag (sogen. Hagelfeier). In diesem Jahr gewann die althergebrachte Feier dadurch von Bedeutung, (…) weil damit die Feier des 400jährigen Gedenktages der 1. hl. Messe in der im Jahre 1512 von zwei adeligen Frauen erbauten früheren Antoniuskapelle sowie die Einweihung des neuen Friedhofkreuzes verbunden war.“

31. Mai: „550jähriges Jubelfest der Kivelinge. Das Kivelinger Jubelfest steht bevor. Fast alle Vorbereitungen sind getroffen. Schon ist Grün geholt, um Straßen und Häuser festlich zu schmücken. Zwischen Maibäumen und unter Bogen werden die Kivelinge am Feiertag wandeln. Allem Anschein nach wird das Fest einen umfangreichen Charakter annehmen. (…) Die Einwohner der Stadt werden gebeten, durch Schmücken und Flaggen an der Verschönerung der Jubeltage beizutragen. So möge denn dieses vollstümliche Fest einen ungestörten und schönen Verlauf nehmen unter den grünen Bogen der Straßen, den schattigen Bäumen der Wilhelmshöhe und in festlich geschmücktem Saale, unter den heiteren Strahlen der Sonne oder unter der Pracht des Sternenzeltes.“

3. Juni: „Am vergangenen Donnerstag ist das Denkmal für die im Kriege gefallenen ehemaligen Lehrer und Schüler des Gymnasiums aufgestellt worden. Ein Hünenstein ist auf drei Trägern dem Eingang des Gymnasiums gegenüber errichtet. Die Aufstellung des Steines, der eine außergewöhnliche Größe hat, gelang mit Hilfe großer Hebewerzeuge, die dem Gymnasium von befreundeter Seite zur Verfügung gestellt wurden. Die Tafel mit den Namen der Gefallenen und die Anlage um das Denkmal werden im Laufe des Sommers fertig gestellt werden.“

14. Juni: „Der Flur in der katholischen Pfarrkirche war durch viele Löcher und Unebenheiten unbrauchbar geworden und bedurfte der Erneuerung (…) Jetzt ist der neue Flur glücklich fertiggestellt.“

28. Juni: „Lingen, 26. Juni. Heute nachmittag fand auf dem Marktplatze eine große Kundgebung gegen die Ermordung unseres Außenministers Dr. Walter Rathenau statt. Als erster Redner führte Herr Baurat Weinmann im Namen der Deutsch-Demokratischen Partei folgendes aus: ‚(…) Die Täter sind zu suchen in den Kreisen, die nichts gelernt und vergessen haben, die zu ihrer eigenen Entlastung nichts anderes als die berühmte Dolchstoßlegende erfunden haben (…)‘. Herr Studienassesor Kosicki sprach im Namen der Zentrumspartei: ‚(…) Armes, armes Vaterland! (…) Sollen alle die, die ihre Kräfte dir weihen, vogelfrei den Handgranaten und Revolverkugeln politisch unreifer, nur durch eine gewissenlose Hetze verführter Burschen ausgeliefert sein?‘ (…) Namens der beiden sozialistischen Parteien sprach (…) Herr Verbandssekretär Heinze (…). Die Reichswehr sei nach seiner Ansicht baldmöglichst dahin umzuformen, daß in ihr nur solche Elemente Aufnahme fänden, die voll und ganz auf dem Boden der Republik ständen.“

5. Juli: „Heute Mittag fand auf dem Marktplatze eine große Kundgebung für die Republik statt, an welcher sich weit über 1000 Personen beteiligten. Veranstalter derselben waren der Allgem. Deutsche Gewerkschaftsbund, die freien Angestellten-Verbände und die 3 sozialistischen Parteien. (…) Nach Schluß der Kundgebung am Marktplatz begab sich ein großer Teil der Versammelten zur Wohnung des Herrn Oberst a.D. Bonsack und forderte denselben als Vorsitzenden der Ortsgruppe der Deutschnationalen Partei auf, nähere Angaben über die hiesige Ortsgruppe zu machen. Herr Bonsack erklärte, daß er und die aus etwa 30 Mitgliedern bestehende Ortsgruppe weder der Organisation C* angehöre noch irgend einem anderen Geheimbunde. (…) Nach kurzem Aufenthalt bei hiesigem Landratsamt und Stationsgebäude (an ersterem sollte ein Schild ‚Kgl.‘ Landratsamt, im Wartesaal zwei Kaiserbilder entfernt werden, welche aber schon beseitigt waren) fand die Kundgebung ihr Ende.“

15. Juli: „Vom Gauturnfest in Lingen am 8. und 9. Juli. Viele hundert Turner waren zum Feste Gäste unserer Stadt. In großen Scharen durchzogen sie die Straßen. (…), um (…) das Gauturnfest zu begehen, wie es unsere Stadt noch nicht erlebt hat und auch wohl so bald nicht wiedererleben wird. Ueber 1000 Personen aus 45 Vereinen mit 20 Fahnen beteiligten sich am Festzuge.“

15. Juli: „Herr Landrat Dr. Pantenburg (erklärte), daß er es (…) für seine Pflicht halte, seiner Entrüstung über den feigen Meuchelmord an Rathenau, der von allen politischen Parteien verurteilt werde, Ausdruck zu geben.“

22. Juli: „Gründung einer Kartoffelgenossenschaft m.b.H. (…) Es hatten sich hunderte Interessenten (…) eingefunden. (…) Der Wert dieser Gründung liegt vor allem darin, daß das angeschlossene Mitglied seine Kartoffeln (…) rechtzeitig erhält, diese aber in bequemen Ratenzahlungen abtragen kann. (…) Mitglied kann jeder Einwohner Lingens (…) werden.“ (LW) „Da die hier als größter Arbeitgeber in Frage kommende Eisenbahnbehörde leider ihre Mithilfe versagt habe, so bleibe nur noch die Selbsthilfe übrig.“

22. Juli: „Ein großer Einbruchdiebstahl wurde in der Nacht vom 19. zum 20. d. Mts. im Fellager der Firma Hieronymus Hanauer-Söhne (Mastanstalt Böhmerhof) verübt. Die Diebe stahlen ca. 12 Großviehfelle und 8 Kalbsfelle. Die Felle waren gesalzen. 10.000 Mk. Belohnung hat die Firma für Ergreifung der Täter oder Auffindung der Felle ausgesetzt.“

22. Juli: „Am Sonntag, den 23. Juli, veranstaltet der Reichsbund der Kriegsgeschädigten und Kriegshinterbliebenen ein Wohltätigkeitsfest in den Gartenanlagen und Festsälen des Herrn Nave. (…) Da der Reinertrag den notbedürftigen Hinterbliebenen und Schwerbeschädigten zu Gute kommen soll, so wird um zahlreiche Beteiligung gebeten.“

2. August: „Die gestern von der Ortsgruppe des Reichsschutzverbandes für Handel und Gewerbe und den übrigen interessierten Verbänden im Hotel Heger einberufene Versammlung war von ca. 250 Personen besucht. Auf der Tagesordnung stand als einziger Punkt ‚Verlegung der Marktplätze und Zentralisierung derselben auf den Hüttenplatz‘.“

5. August: „Die Liedertafel des evang. Arbeiterbildungsverein feiert heute und morgen ihr 50 jähriges Stiftungsfest (verbunden mit dem vierten Sängertag des Emsländischen Sängerbundes), beginnend heute Abend um 8 ½ Uhr.“

9. August: „Die Einziehung des Notgeldes muß nach dem am 17. Juli vom Reichstage angenommenen Gesetz nun in die Wege geleitet werden. (…). Von nun an darf neues Notgeld überhaupt nicht mehr ausgegeben werden und das alte muß spätestens bis zum 24. Oktober außer Kurs gesetzt und eingelöst sein.“

16. August: „Der kathol. Gesellen-Verein Lingen steht in der Vorbereitung für die Feier seines 60. Stiftungsfestes am kommenden Sonntag.“

23. August: „Trotz der energigsten durchaus berechtigten Proteste aus allen Seiten der Landwirtschaft ist die Getreideumlage Gesetz geworden. Die Behörden haben bereits die Umverteilung auf die einzelnen Gemeinden vorgenommen.“

30. August: „Brotpreis. Infolge des äußerst niedrigen Markkurses der letzten Zeit ist das für die Bäckerei unbedingt notwendige Rohmaterial so gewaltig verteuert, dass es uns nicht mehr möglich ist, das markenfreie Brot für den bisherigen Preis zu liefern. Aus diesem Grunde wurde auf Veranlassung des Vorstandes (...) eine Versammlung einberufen, in welcher die neuen (…) Brotpreise festgesetzt werden sollen. Der Zweck dieser Sitzung scheiterte jedoch an der täglich fortschreitenden Verteuerung des Mehles.“

9. Sep.: „Elektrizitätswerk. Der seiner Zeit von den städtischen Kollegien gefaßte Beschluss, zusammen mit einem anderen Gesellschafter das Werk zu bauen, scheitert jetzt an dem zur Zeit herrschenden Geldmangel und der Unmöglichkeit, die nötigen Kapitalien aufzubringen.“

16. Sep.: „Die auf gestern Abend bei Nave von der Spitzenvertretung der Vereinigung von Handel und Handwerk anberaumte Versammlung war sehr gut besucht. (…) Der Verbraucher dürfe nicht von jedem Geschäftsmanne voraussetzen, daß er nur sein Warenlager gefüllt halte und warte, bis die Preise so hoch seien, daß er ein glänzendes Geschäft beim Verkauf mache. Tatsächlich ständen doch ¾ der deutschen Gewerbetreibenden vor dem Konkurse.“

30. Sep.: „In einer starkbesuchten Versammlung nahmen die hiesigen Eisenbahnarbeiter aller Organisationen Stellung zu den Auswirkungen der Lohnpolitik der maßgebenden Instanzen. Es wurde von allen Rednern zum Ausdruck gebracht, daß in der jetzigen Zeit, in der auch die besser bezahlten Handwerker das Existenzminimum bei Weitem nicht erreichen, weitere Staffelungen nach den einzelnen Lohngruppen unbedingt vermieden werden müßten.“

30. Sep.: „Mitbürger! Die erschütternde Tatsache, daß über 300 Familien und Einzelpersonen in Lingen nicht in der Lage sind, sich für den bevorstehenden Winter auch nur in bescheidenstem Maße mit Lebensmittel- und Brennstoffvorräten sowie mit den notwendigsten Winterkleidungsstücken zu versehen, zwingt zu rascher durchgreifender Hilfe. (…) Opfersammlung für die Notleidenen der Stadt Lingen. Jeder Mitbürger wird aufgefordert, sich an dieser Sammlung mit allen Kräften zu beteiligen, und zwar so zu beteiligen, daß er seine Gabe selbst als ein Opfer empfindet und nicht als ein Almosen, um den Sammler los zu werden. Etwa 3 Millionen Mark sind erforderlich, um unsere Notleidenen Mitbürger vor dem größten Elend, vor Hunger und Frost zu bewahren.“

4. Okt.: „Landwirtschaftliche Winterhilfe des Emslandes. Durch die ständig zunehmende Geldentwertung hat sich das beim Landvolk bekannte Elend der Witwen, Waisen, Rentner, Altenpensionäre und ähnlicher Volksschichten ganz unglaublich verschärft. Dementsprechend ist der Kreis der Notleidenen natürlich auch erheblich größer geworden. Wenn diesen Personen nicht durch mildtätige Gaben geholfen wird, müssen sie im Winter entweder erfrieren oder verhungern.“

4. Okt.: „Die Turnhalle soll während des Winterhalbjahres wegen der hohen Heizungskosten, die etwa 2000.- Mk. pro Tag betragen, nicht geheizt werden.“

7. Okt.: „Nach einem altem Sprichwort heißt es: Totgesagte leben recht lange. So auch Herr Anton van der Minde, von hier, der im Jahre 1914, kurz vor Ausbruch des Krieges nach Amerika zum Besuch von Verwandten abgereist ist, ist ein solcher Totgesagte. Infolge Ausbruch des Krieges konnte er nicht mehr zurück und mußte in New York bleiben, der Briefwechsel schränkte sich ein und hörte dann ganz auf. Nun hieß es bald, er sei gestorben. Ganz unerwartet kam dieser Tage Herr Anton van der Minde wieder in die Heimat zurück. Ob er sein früheres Arbeitsverhältnis auf der Eisenbahnwerkstätte fortsetzen wird, ist noch ungewiß. Nach seiner Aussage ist die Stimmung in Amerika gegen die Deutschen durchweg sehr ungünstig gewesen, erfreuerlicherweise ist diese aber zu Gunsten Deutschlands umgeschlagen und wird zunehmend besser.“

21. Okt.: „20. Okt. Unsere Stadtbank hat ihre Räumlichkeiten in den Anbau neben der städtischen Stadtbank bezogen.“

28. Okt.: „Erhöhte Gütertarife ab 1. November. Durch die erhebliche Verschlechterung der Mark stiegen auch bei der Reichsbahn die (…) Ausgaben ungeheuer. Die geltenden Eisenbahngütertarife werden deshalb am 1. November um 50 Prozent erhöht.“

Repräsentationen

Zu dieser Verzeichnung sind keine Repräsentationen eingetragen.