Nachlass Erika Lichte (*31.08.1900 - †19.10.1947)
1910 bis 1977
Der vorliegende Bestand stellt sich als angereicherter Nachlass der Nordhorner Dichter- und Schriftstellerin Erika Lichte (verh. Niemann, 1900 bis 1947) dar und wurde zwischen 1973 und 1977 vom Heimatverein der Grafschaft Bentheim angelegt, der diesen dem Archiv im Jahre 2019 übergab.
Der Bestand enthält sowohl historische Dokumente und Fotografien aus dem Nachlass der Dichterin, als auch angereichertes Material, welches Johannes Niemann, Erika Lichtes Ehemann, als Erinnerung an seine Frau für sich erstellte.
Der Bestand gliedert sich in drei Hauptgruppen:
I. dem originären Nachlass von Erika Lichte
II. Ergänzende Korrespondenzen zum Nachlass
III. Verschiedenes
Die teils ineinander verschachtelten Korrespondenzen erstrecken sich auf die Zeit zwischen 1965 und 1977 und waren falsch geordnet. Entsprechend wurden diese zum Zwecke der Archivierung in die ursprüngliche Ordnung zurückversetzt.
Es ist hierbei zu Unterscheiden zwischen den originalen Nachlass von Erika Lichte, der durch Pastor Niemann ergänzt wurde, den Nachträgen durch Pastor Niemann, welche durch Bruno Kaiser gesammelt wurden, sowie den Korrespondenzen aus den 70er Jahren.
Die historischen Fotografien verbleiben bei den jeweiligen Korrespondenzen.
Notizen, Lesezeichen und Kopien, die aus einer früheren Bearbeitung des Bestandes zum Zwecke einer weiter unten erwähnten Publikation von 2001 erstellt wurden, wurden kassiert.
Biografische Daten zu Erika Lichte
Erika Lichte, verheiratete Niemann (1900 – 1947) war eine regionale Schriftstellerin hochdeutscher Gedichte und Erzählungen. Aufgewachsen im Kloster Frenswegen (Nordhorn) als Tochter des fürstlichen Revierförsters Georg Carl Lichte, zeigte sie bereits mit jungen Jahren ein starkes musisches Talent, welches sich sowohl in dem Verfassen von Gedichten und Erzählungen, als auch im Lautenspiel niederschlug. Ebenso verband sie seit frühester Kindheit eine Freundschaft mit der ebenfalls schriftstellerisch Tätigen Lucie Rakers.
Nach dem Tode ihres Bruders Hubert Lichte im erste Weltkrieg, der sie nachhaltig prägte und dem Tode ihrer Mutter wenige Jahre später führte sie neben der Schule den Haushalt der Familie weiter. In diese Zeit fällt ihre produktivste Schaffensphase, welche wohl auch auf die ihr Nahe stehende Wandervogelbewegung zurückzuführen ist. Der rege Austausch mit Gleichaltrigen und Gleichgesinnten, sie wurde schließlich Leiterin der Bewegung im Kreis Bentheim, gipfelte in der Veröffentlichung ihres ersten und einzigen Gedichtbandes „Melodien des Lebens“ gewidmet „der wandernden Jugend meines Volkes“ im Jahre 1922. In diese Jahre fällt auch die Bekanntschaft und spätere Freundschaft mit Bruno Kaiser aus Nordhorn sowie ihrem späteren Ehemann Johannes Friedrich Niemann, den sie 1923 als Student der Theologie und Wandervogel in Frenswegen kennen lernte und sie sich 1926 verlobte.
Im Jahre 1925 verließ Erika Lichte die Grafschaft um an der Universität Wien Musik- und Kunstgeschichte zu studieren. Der Besuch des Wiener Stephansdoms sowie die Verehrung der Jungfrau Maria sollte sie für den Rest ihres Lebens nachhaltig prägen. Trotzdem Sie evangelischen Glaubens war, sollte sie stets einen engen Bezug zur Jungfrau Maria bewahren. So richtete sie in ihrem späteren Hause einen Marienaltar ein und schrieb mehrere Mariengedichte. Bereits Ostern 1926 verließ sie Wien wieder, sollte die Stadt aber in den folgenden Jahren regelmäßig wieder besuchen.
Von 1927 an bis 1936 wohnte sie zusammen mit ihrem Ehemann im Pfarrhaus in Husum (Kreis Nienburg) und versorgte dort zusammen mit der Haustochter Lotte Seiler den Haushalt. Ab 1936 übernahm Pastor Niemann eine Stelle in der Kirche von Altenkrempe bei Neustadt in Schleswig Holstein und zog mit seiner Frau dort hin um.
Pastor Niemann nahm während des zweiten Weltkrieges an mehreren Feldzügen teil, 1942 wurde er auf dem Russlandfeldzug am rechten Bein verwundet, das in der Folge amputiert werden musste. Ab 1943 wieder im Amt in Altenkrempe tätig, kümmerte er sich zusammen mit seiner Frau in dieser Zeit und nach Kriegsende um die vielen Flüchtlinge in seiner Gemeinde.
Trotz angegriffener Gesundheit, in den 40er Jahren erfolgten mehrere Kuraufenthalte, griff Erika Lichte immer wieder zur Feder, auch wenn sie nicht mehr so produktiv war wie zu ihrer Jugend. Auch verlagerte sich ihr Schwerpunkt auf Gedichte mit religiösem Inhalt und zur Stadt Wien.
Da sie der zwangsweisen Mitgliedschaft im NS-Kulturbund während des Nationalsozialismus ablehnend gegenüberstand, verzichtete sie in dieser Zeit auf eine Veröffentlichung ihrer Gedichte.
Kurz nach Kriegsende sah sie jedoch die Zeit gekommen, einen neuen Gedichtband zu veröffentlichen und beauftrage für die Illustration des geplanten Buches den schweizerischen Maler Rene Berlincourt.
Zu diesem Zwecke schickte sie dem Maler die Gedichte „Gruß“, „Marienweg“, „Abendgang“ und „Kreuzlegende“, allerdings konnte Sie den Band nicht mehr vollenden.
Erika Lichte starb am 19.10.1947 im Krankenhaus von Neustadt/Holstein nach schwerer Krankheit, sie wurde am 23.10. im Familiengrab neben ihren Eltern in Groß-Witfeizen bei Lüchow beigesetzt.
Rene Berlincourt, ebenfalls schwer an TB erkrankt, konnte vor seinem eigenen Tod nur noch die Bilder „Verkündigung“, „Marienweg“, „Abendgang“ und „Kreuzlegende“ fertigstellen und an Pastor Niemann senden, die diesem jedoch erst nach dem Tode seiner Frau erreichten.
Der vom Verlust seiner Frau tief betroffene Pastor Niemann bat 1948 um seine Versetzung in den Ruhestand und zog zu seiner Schwester nach Lembruch am Dümmer. Von 1954 bis 1961 nahm er erneut eine Pastorenstelle in Neuenkirchen an, er starb am 13.02.1982 in Braunfels.
Marcel Abels
Quellen:
- Erika Lichte: Eine bemerkenswerte Frau und Dichterin. Ihr Leben und ihr Werk. Von Gerolf Küpers, Bad Bentheim 2001.
- Bestand Erika Lichte, Stadt- und Kommunalarchiv der Grafschaft Bentheim
Ausgehend von dem Beitrag „Meine Erinnerungen an Erika Lichte“ von Lucie Rakers im Jahrbuch des Heimatvereins Grafschaft Bentheim 1965 (Bd. 58) konnte in diesem Jahre ein Kontakt zwischen dem damaligen Nordhorner Bürgermeister Wilhelm Buddenberg und Pastor Niemann hergestellt werden.
In den Folgejahren wurden sporadisch Gedichte von Erika Lichte im Jahrbuch veröffentlicht bis im Jahre 1973 im Zuge der Veröffentlichung des Sammelbandes „Heimatdichtung der Grafschaft Bentheim“ erneut Kontakt mit Pastor Niemann aufgenommen wurde.
In einem Antwortschreiben vom 10.11.1973 an Bgm. Buddenberg erwähnt Pastor Niemann erstmals den Gedanken, den dichterischen Nachlass von Erika Lichte der Bibliothek des Heimatvereins zukommen zu lassen. Über Bgm. Buddenberg wurde ein Kontakt zum damaligen Vorsitzenden des Heimatvereins, Hermann Heddendorp, hergestellt. Im Jahre 1974 erfolgte ein entsprechender, aber nicht mehr vorliegender, Briefwechsel.
Im August 1975 schickte Pastor Niemann schließlich den schriftlichen Nachlass an den Heimatverein. Sein Brief vom 31.08.1975 enthält eine Auflistung der einzelnen Schriftstücke. Ebenfalls diesem Nachlass beiliegend waren drei handgeschriebene Bände, hergestellt von Helene Kolter für Pastor Niemann. Diese Bände, wohl eine Art Erinnerungsalbum darstellend, beinhalten Abschriften sämtlicher Gedichte Erika Lichtes sowie viele Originalfotografien aus ihrem Leben. Sie wurden ergänzt durch Farbabzüge der von Rene Berlincourt hergestellten Gemälde und dekorativen Drucken.
Überlegungen, in der Bibliothek des Klosters Frenswegen ein Erika-Lichte-Zimmer einzurichten führen zu einem weiteren Schriftenaustausch zwischen Pastor Niemann und Wilhelm Buddenberg. Auch konnte über Bgm. Buddenberg ein Kontakt mit Bruno Kaiser hergestellt werden. Über Bruno Kaiser erhielt Bgm. Buddenberg noch weiteres Material, teilweise von einem weiteren Schriftwechsel zwischen Kaiser und Niemann, teils durch Kaiser selber.
Soweit bekannt, endete die Korrespondenz nach 1977. Ein Erika-Lichte-Zimmer ist wohl nie praktisch Umgesetzt worden. Eine späte, aber dafür umfangreiche Würdigung ihres Schaffens erfuhr Erika Lichte durch die Biografie und Werksammlung „Erika Lichte- Eine bemerkenswerte Frau und Dichterin. Ihr Leben und ihr Werk“ von Gerolf Küpers, erschienen 2001 als Band 1 der Reihe „Dichter und Schriftsteller der Grafschaft Bentheim“ im Verlag des Heimatvereins der Grafschaft Bentheim.
In diesem Bande wurden erstmals die bislang unveröffentlichten Gedichte des 1947 geplanten Sammelbandes veröffentlicht und eine Biografie erstellt, teils auf Grundlage der in diesem Bestand enthaltenen Schriften.
- "Erika Lichte - Eine Bemerkenswerte Frau und Dichterin. Ihr Leben und Werk." von Gerolf Küpers, Bad Bentheim 2001, ISBN 3-922428-57-6
- "Heimatdichtung der Grafschaft Bentheim", Bad Bentheim 1973
- "Meine Erinnerungen an Erika Lichte" von Lucie Rakers im Jahrbuch des Heimatvereins Grafschaft Bentheim 1965 (Bd. 58)
Marcel Abels, Februar 2020
Magazin 1
Link: https://www.arcinsys.niedersachsen.de/arcinsys/detailAction?detailid=b19101