NLA OL Best. 90

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Beschreibung

Identifikation (kurz)

Titel

Herrschaft Jever

Laufzeit

1500-1807

Bestandsdaten

Kurzbeschreibung

Die Herrschaft Jever basiert auf friesischen Häuptlingsherrschaften. Das Haus Oldenburg erbte 1575 die Herrschaft, die 1667 an Anhalt-Zerbst und 1793 an das Haus Rußland fiel. 1818 kam sie wieder an Oldenburg.

Bestandsgeschichte

Best. 90 Herrschaft Jever
Zeit: 1323-1901
Umfang: 113,3 lfd. m; 5392 Verzeichnungseinheiten (4360 Akten und 1032 Urkunden)
Erschließung: Archivdatenbank/Internet
Lagerungsbestände: auch Best. 77, Best. 91 - 96, Best. 101, Best. 103, Best. 104

Der Ort Jever ist bereits im 11. Jahrhundert als Münzstätte der Billunger erwähnt und spielte eine zentrale Bedeutung im friesischen Oestringen. Es entstand eine Häuptlingsburg, die weiter an Bedeutung gewann; unter Häuptling Edo Wiemken bildete sich ein festes Herrschaftsgefüge aus. Nach dessen Tod 1511 fiel die Herrschaft Jever zunächst an seinen Sohn Christoph, der allerdings mit 18 Jahren starb. So übernahm Edos Tochter Maria (1500-1575) die Regierung. Nach dem Tod des regierenden Fräuleins Maria 1575 kam die Herrschaft Jever testamentarisch an die Grafen von Oldenburg (Graf Johann). Nach dem Tode des letzten Oldenburger Grafen Anton Günther fiel die Herrschaft Jever 1667 als ein auch in weiblicher Linie vererbbares Gebiet testamentarisch an den Fürsten Johann von Anhalt-Zerbst (regiert 1621-1667), dessen Mutter Magdalene (gest. 1657) eine Schwester des Grafen Anton Günther war. Sie war mit dem Fürsten Rudolf von Anhalt-Zerbst (reg. 1603-1621) verheiratet und starb 1657. Dem regierenden Erben und Neffen Anton Günthers, Fürst Johann, der allerdings bald nach seinem Onkel auch 1667 starb, folgten die Fürsten Carl Wilhelm (gest. 1718), Johann August (gest. 1742), Johann Ludwig (gest. 1746), Christian August (gest. 1747) und Friedrich August (gest. 1793) nach. Jever war so für mehr als 100 Jahre ein "Nebenland" des Fürstentums Anhalt-Zerbst.
Nach dem Tod des kinderlos verstorbenen Fürsten Friedrich August von Anhalt- Zerbst im März 1793 fiel Jever - wieder als persönliches Eigentum - an dessen Schwester, die Kaiserin Katharina II. von Russland, die 1729 als Prinzessin Sophie Auguste Friederike von Anhalt-Zerbst das Licht

der Welt erblickt und erst bei ihrer orthodoxen Taufe im Sommer 1744 den Namen Katharina angenommen hatte. Diese ließ die Herrschaft Jever von der Witwe Friedrich Augusts, Friederike Auguste Sophie, verwalten, wobei Jever kein Territorium Russlands, sondern nur in Personalunion mit dem Zarenhaus verbunden war. Katharina II. hatte damit aber Sitz und Stimme im Deutschen Reich. Sie setzte Friederike Auguste Sophie als "kaiserlich russische Statthalterin" ein, die die Regierung der Erbherrschaft auch unter den Nachfolgern Katharinas bis 1806 weiterführte: Nach Katharinas Tod 1796 fiel die Herrschaft Jever zunächst an ihren Sohn Paul (I.) und später an ihren Enkel Zar Alexander I.
Nach der für Frankreich siegreichen Schlacht von Jena und Auerstedt am 14. Oktober 1806 wurde die Herrschaft Jever 1807 Teil des Königreichs Holland unter König Ludwig, einem Bruder Napoleons. Im Zuge der Annexion der Nordseeküste in das französische Kaiserreich wurde Jever als Teil des Royaume d'Hollande im Jahre 1810 Frankreich einverleibt. Jever wurde somit Teil des 124. Departements Ems-Oriental; Präfekt wurde der Elsässer Joseph Jannesson. Nach dem Abzug der französischen Besatzungstruppen kehrte Jever in den Besitz der russischen Krone zurück und wurde regierungsgeschäftlich 1813/1818 an Oldenburg übertragen. Erst als Zar Alexander I. 1823 auf Jever gänzlich verzichtete, kam Jever hoheitsrechtlich an das inzwischen zum Großherzogtum aufgestiegene Oldenburg. Die Regierungszeit des Hauses Anhalt-Zerbst über das Jeverland war geprägt durch Droste oder Statthalter. Die Fürsten selbst weilten nur selten in Jever. Der Regierungssitz lag im fernen Zerbst. Daher sprach man in Jever auch von den "fernen Fürsten".
Obwohl sich in der Zeit der Herrschaft Marias eine erste Verwaltungsorganisation (Drost, Landrichter, Rentmeister) herausbildete, festigte sich diese erst in zerbstischer Zeit, also in

der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Die Herrschaft Jever wurde von fünf kollegial eingerichteten Landesbehörden regiert: Regierung (auch Kanzlei genannt), Landgericht, Appellationsgericht, Kammer (Rentkammer, Rentei) und Konsistorium. Bis auf das Konsistorium ist die erhaltene Überlieferung der Landesbehörden in diesem Mischbestand vereint.
1832 kam das jeversche Landesarchiv nach Oldenburg, nachdem es zuletzt auf dem Boden des Marstalls in Jever mehr schlecht als recht sein Dasein gefristet hatte. Erst 1874 kam die Übernahme der Archivalien zu einem gewissen Abschluss, wertvolle Archivalien waren bis dahin in private und kommunale Hand gelangt. Ab 1867 wurde der Bestand unabhängig von der Herkunft der Akten geordnet, also unter Missachtung des Provenienzprinzips zu einem Fonds vereinigt. So entstand ein Mischbestand aus den Registraturen von Drostenamt, Kanzlei, Rentkammer, Regierung und Landgericht in Jever, Kanzlei in Oldenburg und Kanzlei in Zerbst.
Verluste entstanden 1945 nach der Auslagerung von Archivbeständen aus Oldenburg nach Wardenburg, wo die Akten von den dort kampierenden Besatzungssoldaten zum Feueranmachen benutzt wurden. Folgende Sachgruppen wurden auf diese Weise entweder stark dezimiert oder völlig vernichtet: Kirchen-, Schul- und Armensachen, Gastwirtschaften und Krüge, Münzsachen, Bausachen, Deich- und Sielsachen, Polizei, Strandsachen, Wege- und Entwässerungssachen, Handel und Gewerbe, Judensachen, Landwirtschaft, Post- und Fuhrwesen, Stadt und Festung Jever, Insel Wangerooge, Statistik, Vermessung und Kartierung.
Aufgrund dieser Aufzählung muss davon ausgegangen werden, dass 30 bis 40 % des Bestandes verloren gingen. Auch die jeversche Amtsbücher (Protokolle, Rechnungen) haben bei der Auslagerung empfindliche Verluste erlitten.

Inhalt:
Urkunden: 14. Jh.: 2; 15. Jh.: 153; 16. Jh.: 823; 17. Jh.: 42; 18. Jh.: 11; 19. Jh.:

1;
Amtsbücher der Herrschaft Jever 1531-1799 (20); Akten: Innere Landesangelegenheiten, Haus- und Familienangelegenheiten 1525-1812 (239); Haus- und Hofhaltung1550-1804 (84); Herrschaftliche Besitzungen und deren Einkünfte1605-1793 (15); Geschenke der Landesherrschaft, Gnadensachen 1600-1806 (14); Landesregierung und Verfassung 1574-1824 (261); Archiv und Bibliothek in Jever 1532-1899 (17); Justizwesen 1535-1850 (75); Hof- und Staatsdienst 1547-1899 (975); Domänen, Vorwerke 1545-1817 (245); Anhaltinische Allodial- und Fideikommissgüter in Butjadingen und Stadland 1589-1690 (46); Jagd-, Forst- und Fischereiwesen 1596-1814 (26); Ritterschaft, Lehen- und adlig-freie Güter 1500-1901 (220); Steuer- und Abgabewesen 1510-1822 (462); Kassen- und Rechnungswesen 1585-1806 (58); Münzen, Maße und Gewichte 1700-1806 (58); Kirchen-, Schul- und Armenwesen 1556-1813 (67); Deich- und Sielsachen 1578-1870 (99); Bauwesen 1642-1813 (50); Polizeisachen 1658-1820 (22); Gastwirtschaften und Krüge 1721-1736 (1); Strandrecht, Strandpolizei 1714-1793 (2); Wege und Wasserzüge 1768-1808 (6); Handel, Gewerbe, Industrie, Mühlen Schifffahrt, Mühlen 1592-1814 (22); Juden 1725-1802 (2); Landwirtschaft 1753-1777 (2); Post- und Fuhrwesen 1675-1792 (2); Kommunalsachen 1633-1813 (29); Stadt und Vorstadt Jever, Bürgeraufnahme, Bewachung 1550-1849 (33); Insel Wangerooge 1612-1815 (14); Stipendien 1702 (1); Statistik, historische Materialsammlungen, Verordnungen, Urkundenabschriften 1350-1899 (14); Vermessung und Kartierung 1804-1829 (1); Militärwesen, Kriege 1570-1818 (95); Lehnsverhältnisse 1511-1800 (79); Verhältnis zu Ostfriesland und Preußen 1494-1818 (168); Verhältnis zum Harlingerland 1531-1553 (8); Verhältnis zur Herrschaft Gödens 1533-1797 (66); Verhältnis zur Herrlichkeit Kniphausen 1554-1815 (66); Verhältnis zu Oldenburg-Delmenhorst bzw. zu Dänemark 1517-1808 (107); Verhältnis zur Herrschaft

Varel 1777 (1); Verhältnis zum Kurfürstentum Köln 1693- 1740 (2); Verhältnis zu den Niederlanden 1610-1736 (17); Verhältnis zur Stadt Bremen 1577-1620 (2); Verhältnis zum Stift Münster 1576-1612 (1); Verhältnis zu Preußen vor 1744 1720-1724 (1); Extranea wegen Anhalt-Zerbst und Russland 1556-1813 (21); Kloster Östringfelde 1577-1585 (1); Drosten und Statthalter in Jever 1667-1678 (1); Rentkammer, Heuerkontrakte, Weinkaufregister 1690-1809 (6); Kanzlei Jever 1793-1806 (13); Regierung Jever, Staatsdienerbücher, Protokoll- und Registerbücher 1724-1806 (29); Kammer Jever, Reskriptenbücher, Kammerprotokolle 1672-1809 (89); Holländische Besatzungszeit 1807 (8); Landgericht Jever, Verordnungen, Kontrakte, Suppliken, Berichte, Reskripte, auch Französisches Gerichtswesen 1541-1809 (118); Vormundschaften und Testamente, Zivilprozesse 1623-1847 (321); Jeversche Vogteien und Ämter (Amtsbücher) 1549-1788 (14).

Literatur:
Karl Georg Böse, Das Großherzogthum Oldenburg. Topographisch-statistische Beschreibung desselben, Oldenburg 1863, S. 239-306; Paul Kollmann, Statistische Beschreibung der Gemeinden des Herzogtums Oldenburg, Oldenburg 1897, S. 467-475; Oskar Tenge, Der Jeversche Deichband. Geschichte der Deiche, Uferwerke und Siele im dritten Oldenburgischen Deichbande und im Königlich Preußischen westlichen Jadegebiet, 2. Aufl. Oldenburg 1898; Ludwig Kohli, Handbuch einer historisch-statistisch-geographischen Beschreibung des Herzogthums Oldenburg samt der Erbherrschaft Jever und der beiden Fürstenthümer Lübeck und Birkenfeld, 2 Teile, Bremen 1924, S. 316-379; Georg Sello, Östringen und Rüstringen. Studien zur Geschichte von Land und Volk, Oldenburg 1928, S. 57-225; Hellmut Rogowski, Verfassung und Verwaltung der Herrschaft und Stadt Jever von den Anfängen bis zum Jahre 1807, Oldenburg 1967; Hugo Harms, Geschichte des Mariengymnasiums, bearbeitet von Dr. Remy Petri, hg. vom

Verein ehemaliger Schüler, Jever 1973; Stefan Hartmann, Großherzogtum (Freistaat Oldenburg), in: Grundriß der deutschen Verwaltungsgeschichte 1815-1945, Bd. 17, Hansestädte und Oldenburg, hg. von Thomas Klein, Marburg 1978, S. 179-185; Findbuch zum Bestand Stadtarchiv Jever, bearb. von Friedrich-Wilhelm Schaer u. Heinrich Schieckel, Teil 1 bis 6, Oldenburg 1984-1985; Friedrich-Wilhelm Schaer, Mariengymnasium Jever, Handschriftensammlung (16.-20. Jh.), Oldenburg 1993; 425 Jahre Mariengymnasium Jever 1573-1998. Beiträge zur Vergangenheit und Gegenwart der Schule, Jever 1998; Antje Sander (Hg.), Ferne Fürsten - Das Jeverland in Anhalt-Zerbster Zeit, Bd. 2: Der Hof, die Stadt, das Land (Kataloge und Schriften des Schlossmuseums Jever 25), Oldenburg 2004.

Verwandte Bestände:
Best. 20 (Grafschaft Oldenburg); Best. 31 (Kabinettsregistratur Oldenburg), Best. 70 (Regierung Oldenburg); Best. 71-5 (Kammer Oldenburg); Best. 74-16 (Amt Jever); Best. 97 (Konsistorium und Konsistorialdeputation Jever); Best. 120 (Herrschaft Varel-Kniphausen); Best. 136 (Oldenburgisches Innenministerium); Best. 230-4 (Verwaltungsamt Jever); Best. 231-3 (Landratsamt Jever); Dep 20 FRI (Landkreis Friesland); Rep 950 JEV (Amtsgericht Jever); Erw 82 (Nachlass Renke Gerhard Kunstenbach); Slg 80 (Abschriften und Reproduktionen: hier Urkundenabschriften).


Informationen/Notizen

Zusatzinformationen

Abgeschlossen: Nein

teilweise verzeichnet